Kindergartenzeit

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Die erste Woche im Kindergarten ist geschafft. Zeit, kurz Revue passieren zu lassen.

Der letzte Tag in der Krippe war der 19. Dezember. Er hat sich dort wohl gefühlt. Besonders mit zwei Jungs hat er viel gespielt. Die Kontakte konnten wir nicht retten. Ein wenig bedauere ich das und doch – gehalten hätten sie kaum dauerhauft. Dafür waren wir und die Eltern der beiden einfach zu unterschiedlich. Wenn ich mich nicht unterhalten kann, dann wird das auch für den Sohn kein angenehmes Spieldate. Die beiden Tagesmamas hatten ihn ins Herz geschlossen. Es war eine wirklich schöne Zeit. Aber es gab eben auch Kritikmomente – für meinen Geschmack zu wenig pädagogische Reflexion, zu wenig Einblick in den Krippenalltag für die Eltern und der für den Großen einfach nicht mehr notwendige Mittagsschlaf, der dort aber einfach weiter dazugehörte. Als einziges Kind dort nicht schlafen? Nichts für meinen Großen. So war die Zeit einfach gekommen. Die Anregungen in der Krippe schienen nicht mehr ausreichend. Ein neuer Lebensabschnitt stand ins Haus und wir waren alle deshalb aufgeregt.

Aber davor standen noch drei Wochen. Drei Wochen ohne Krippe oder Kindergarten. Drei Wochen im Winter zu Hause. Drei Wochen mit zwei Kindern zu Hause. Ich liebe es Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, aber diese drei Wochen gingen uns ganz schön an die Substanz. Der Große war unausgeglichen, ihm fehlte der Alltag mit den anderen Kindern. Wir machten viel in der Zeit – Weihnachten mit der Familie, Besuch von Freunden und bei Freunden, Indoorspielplatz, Schlittenfahrten, Spieldates mit der Cousine, Silvesterfeuerwerk und und und. Aber er war auch emotional in einer Umbruchsphase (siehe weiter unten). So hatten wir in dieser Zeit viel mehr Auseinandersetzungen, Launigkeiten, Gegrummel und Gemecker und eben auch Übertragungen der Wut des Sohnes auf die Kleine. Er klammerte an mir, schob mich weg, meckerte, wenn ich stillte, meckerte, wenn ich die Kleine trug, meckerte, wenn ich die Kleine hinlegte, meckerte, wenn die Kleine nicht da war. Er war sehr mit Rollenfindung beschäftigt. Seine Sprache hat einen Riesensprung gemacht. Seit kurzem redet er auch mal mein seiner Tante statt sich vor ihr zu verstecken, fordert unsere Freunde auf mit ihm zu spielen statt wie sonst oft nur auf dem Papa zu sitzen, verschwindet mit Spielkameraden in deren Zimmer und taucht eine halbe Stunde nicht mehr auf. Er ist so viel selbstständiger geworden. Er kommt selbstständig mit Tiptoi und Ipad zurecht, guckt häufiger alleine Bilderbücher an, fordert ein, allein baden zu dürfen. Aber auch das Spiel mit uns ist differenzierter geworden. Die Rollen, die uns zugewiesen werden, wechseln nicht mehr alle fünf Sekunden, sondern bestehen länger und so entstehen echte Rollenspiele. Der Sprung, den er in den drei Wochen zu Hause machte, hat ihm gut getan, Nur frage ich mich ganz egoistisch, ob nicht eine andere Zeit dafür geeigneter gewesen wäre. Für unsere Nerven wäre das jedenfalls etwas angenehmer gewesen.

Und jetzt also Kindergarten. Am ersten Tag hing er auf dem Papa, interessierte sich aber schon sehr für Brettspiele und Puzzles, die es dort gab. Am zweiten Tag war er schon bereit, mit einer Erzieherin zu spielen und den Papa für zwei Stunden gehen zu lassen. Am dritten Tag ging es noch besser und er spielte auch schon mit einigen Kindern. Am Donnerstag brachte Papa ihn morgens kurz vor dem Morgenkreis und ich holte ihn nach dem Mittagessen. Sohnemann wollte da schon gar nicht mehr weg und fühlte sich sichtlich pudelwohl. Am Freitag blieb er dann schon Maximalzeit und ich empfing einen sehr gut gelaungen, aufgeregten und begeisterten Jungen, der mir ausführlich von Spielen, Fußball und anderen Kindern erzählte. Auch die zweite Erzieherin hat er inzwischen akzeptiert und macht langsam auch immer größere Runden weg von den Erziehern. Der Kindergarten ist anstrengend für ihn, er hat sich in dieser Woche endgültig angewöhnt, sich nachmittags für eine halbe Stunde in sein Zimmer zurückzuziehen, im Bett zu sitzen und CD zu hören. Manchmal schläft er dabei ein, manchmal nicht. Diese Ruhepause tut ihm aber sehr gut. Überhaupt wirkt der Kindergartan ausgleichend. Er ist ein viel einfacher zu handhabendes Kind, wir spielen schöner, lachen wieder mehr miteinander statt ständig zu ermahnen, ein grummeliges Kind zu beruhigen zu versuchen, zu streiten. Heute – am Samstag ohne Kindergarten – war alles wieder etwas schwieriger, der Dickkopf stärker. Er freut sich auf den Kindergarten und scheint sich wirklich wohl zu fühlen. Ich habe einen sehr positiven Eindruck von den Erziehern, die Räumlichkeiten sind ja noch nicht die endgültigen, die Gegebenheiten werden aber wirklich gut genutzt. Der Umzug ins neu gebaute Kinderhaus steht im Frühling an. Mein großer Sohn scheint gut dort anzukommen. Meine Befürchtung, er könnte mit der großen Zahl von Kindern Probleme haben oder noch zu jung sein, bestätigt sich überhaupt nicht. Es gibt noch andere Kinder knapp unter drei und die Erzieherinnern kümmern sich wirklikch gut um ihn. Am Montag gehen sie turnen, bald kommen auch Waldtage dazu. Und mein Drachenkätzchen macht das bisher wirklich souverän. Das einzige, was wirklich anstrengend ist derzeit: Egal, wo wir sind, das Kind möchte nicht den Ort wechseln. So hört man morgens beim Aufstehen: “Hierbleiben! Schlafen!” Egal, wie wach und unruhig er ist. Wenn es Richtung Kindergaren geht: “Hierbleiben! Hier spielen!” Wenn er abgeholt wird: “Kindergarten bleiben!” Vor der Fischtheke im Supermarkt: “Hierbleiben!” Im Auto: “Hierbleiben! Im Auto Pause machen!” Und vor dem Spaziergang mit dem Laufrad: “Hierbleiben! Drinnen spielen!”  Das ist anstrengend. Veränderungen gehören nunmal auch dazu. Aber dank Kindergarten habe ich jetzt wieder mehr Kraft damit umzugehen, bin selbst ruhiger (naja, nicht immer, aber so insgesamt) und das wird sich mit der Zeit auch wieder verändern. Wir müssen uns alle auch noch von drei anstrengenden Wochen erholen, im Kindergarten, beim gemeinsamen Spielen in der Familie, beim nächtlichen Kuscheln und bei den Gesprächen, die wir miteinander führen und die schon wieder so anders und so viel klarer geworden sind.

Mein großer Sohn – du bist ein Kindergartenkind.Und du bist immer noch mein kleiner Schatz. Und wenn du magst, darfst du auch immer noch mein Baby sein. Du machst uns so viel Freude. Du bringst mich zur Weißglut. Du bist wunderbar und großartig und deine Entwicklung in den letzten Wochen ist so gigantisch. Erziehung ist nicht einfach. Aufwachsen ist nicht einfach. Aber wenn wir uns erinnern, wie sehr wir uns liebhaben und was wir doch eigentlich für ne tolle Familie sind, dann schaffen wir auch etwas schwierigere Phasen. Gemeinsam.

4 1/2 Monate kleine Perfektionistin

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Mein Mäuschen ist – jetzt schon etwas über zwei Wochen – in ihrem fünften Lebensmonat angekommen. Und sie macht ihrem ersten Spitznamen weiterhin alle Ehre.

Motorik: Sie kann sich drehen. Mittlerweile sehr gekonnt vom Bauch auf den Rücken und von Rücken auf Bauch nach rechts und nach links. Seitdem sie das kann, rollert sie stolz und grinsend bevorzugt in Positionen und Ecken, wo sie nichts zu suchen hat. Bevorzugte Ziele sind neben dem Weihnachtsbaum (man könnte ja diese Nadeln zu fassen bekommen und sie in den Mund stecken!), dem Gitter vor dem Holzofen auch die gerade aufgebauten Bauklötze des Sohnes und der All-time-favourite Bettgitter. So sind wir viel damit beschäftigt, den Beifang im Netz zu retten und wieder in eine gemütlichere Lage zu bringen oder Dinge aus ihrem Weg zu räumen. Es macht unglaublich viel Freude, sie dabei zu beobachten, wie sie glücklich und zufrieden kullert. Um Dinge zu erreichen, die sie gerne haben möchte, kommt der zweite große motorische Fortschritt natürlich sehr gelegen: Klein-Mädchen greift schon sehr gekonnt und begeistert. Und wie das so ist, landet das dann auch gleich in ihrem Mund, um erkundet zu werden. Auch das macht sie mit großer Hingabe und einem bezaubernden Mimikspiel: Zuerst wird das Objekt der Begierde angelinst und betrachtet, dann gegrabscht, nochmal angelinst, dann ein Grinser, gefolgt von einem groß aufgesperrten Mund. Wenn die derzeitige Körperlage es zulässt, wird der Kopf etwas nach hinten geschoben, um richtig schön auszuholen, bevor dann begeistert losgesabbert und erkundet wird. Für noch mehr Begeisterung im Gesicht sorgt die neueste Errungenschaft: der Vierfüßler. Sie stemmt sich toll mit den Armen hoch, bekommt ihren Popo richtig weit vom Boden weg und mittlerweile hält sie die Position auch schon sehr lange. Erstes leichtes Gewippe habe ich dabei auch schon beobachtet. Dabei grinst sie stolz und erzählt, damit man ihren Erfolg auch ja mitbekommt und lobt. Seit wann sie ihre Füße grabschen und erkunden kann, weiß ich nicht genau. Sie macht es jedenfalls mit Begeisterung und sofort, sobald sie nackig strampeln darf.

Spiel: Unser Mädchen liebt Tücher. Sie lutscht ständig an einem, mag ihre Schnuffeltücher und juchzt und lacht beim “Wo ist das Baby”-Spiel mit Tuch. So langsam denken wir, dass wir diesmal ein Schnuffeltuchkind haben könnten. Schnuller hasst sie weiterhin und so werden wir ihn ihr jetzt wohl auch nicht mehr anbieten. Sie ist glücklich ohne und letztlich ist es ja auch nur gut, wenn sie keinen nimmt und wir den Stress mit “Wo ist der Mimi?” oder “Wie werden wir den Mimi wieder los?”, den wir mit dem Sohn hatten und haben, einfach bei ihr nicht haben werden. Sie rasselt mit ihrer Rasselschlange, grabscht an ihrem Fühlschmetterling und schnappt sich Sohnemanns Stofftiere. Beim Spiel erzählt sie und quatscht in ihrer Babysprache vor sich hin. Das laute Lachen bleibt dem Spiel mit uns vorbehalten. Am zuverlässigsten bekommt man einen lauten Babylachgluckser, wenn man sie am Hals kitzelt oder ihren Bauch küsst. Überhaupt liebt sie es, berührt zu werden. War die Babymassage beim Großen manchmal schwierig, weil er es nicht mochte, dass man seine Arme berührte oder überhaupt zu lange an ihm herumfuhrwerkte, genießt die Kleine die Streicheleinheiten in vollen Zügen.

Neugier: Ist der Bruder nicht da, ist Klein-Mädchen häufig im Erholungsmodus. Natürlich mag sie mit uns spielen, getragen werden, viel sehen und quatschen, aber wenn sie ihren großen Bruder beim Spiel beobachtet, ist sie häufig hochaufmerksam. Jede Bruderbewegung wird verfolgt. Wenn er mit ihr interagiert, bekommt er fast immer ein breites Grinsen und ein zufriedenes Glucksen. Meist ist sie in seiner Anwesenheit vollauf damit zufrieden entweder getragen zu werden und zu beobachten, ohne dass wir noch sonderlich viel zusätzlich mit ihr machen oder zu kullern und ihn zu beobachten. Die kleine Schwester profitiert sichtlich von ihrem größeren Vorbild und ich bin so gespannt, wie sich diese gute Geschwisterbeziehung weiter entwickelt. Neugierig ist das kleine Mädchen seit kurzem auch auf unser Essen. Erste Erfahrungen mit Apfel und Karottenbrei hat sie schon gemacht. Der Große ist glücklich darüber, denn er darf dann ja die Breireste futtern. So kann man ihm Gemüse gut verkaufen. Anders als ihr Bruder in ihrem Alter, nimmt sie mir aber noch nicht den Löffel weg, wenn ich esse. Wir haben viel Zeit und so können wir ganz langsam an die Beikost herangehen.

Stillen: Wir stillen immer noch eher unregelmäßig. Manchmal alle 1 1/2 Stunden, manchmal erst nach vier Stunden wieder. Das ist etwas doof, weil man so immer noch nicht richtig gut planen kann. Aber sie macht es wirklich gut mit, dass ich sie anlege, bevor ich einmal allein aus dem Haus gehe. Und so können wir diese Zeiten gut überbrücken. Meine Deutschstunden bei den Flüchtlingen, der Rückbildungskurs und ab und an ein Kaffeetrinken im Cafe alleine sind so durchaus möglich. Ich brauche diese Rückzugsmomente auch dringend und wer weiß – vielleicht lässt sie auch irgendwann einmal zu, dass ich sie weiter ausbaue. Allerdings nimmt sie auch kein Fläschchen. Sie mag es ganz und gar nicht und beschwert sich lautstark, wenn man es ihr anbietet. Das heißt für den Mann, dass er sie nicht so gut beruhigen kann wie damals den Großen, der neben dem Stillen auch die Flasche mit abgepumpter Milch akzeptierte. Bei Hunger bin ich einfach unabkömmlich für sie. Ich genieße das Stillen immer noch sehr. Es ist nur eine so kurze Zeit. Aber es fällt mir einfach schwer, so angebunden zu sein. Wir werden sehen. Irgendwann zwischen sieben und neun wird Kleinchen ins Bett gestillt und schläft dann bis etwa halb zwölf sehr zuverlässig. Diese Zeit ist für uns als Paar, aber eben auch für jeden als Individuum wahnsinnig wichtig. Denn danach ist Schlafzeit mit beiden Kindern, der Große zieht schließlich auch immer noch irgendann in unser Bett um. In meinen Schlafstunden trinkt die Kleine auch mehrmals. Meist weiß ich gar nicht mehr genau, wie oft und wie lange, da wir uns angewöhnt haben, dabei einfach weiterzuschlafen. Meine Nacht ist trotzdem sehr zerstückelt, weshalb ich sehr dankbar bin, dass der Mann mir oft ermöglicht, morgens noch ein bisschen weiterzuschlafen, wenn die Kinder wach sind. Die Kleine braucht die Nähe und wahrscheinlich auch die nächtliche Ruhe beim Trinken. Und das mag ich ihr dann auch ermöglichen. Die Kleine kuscheln und dabei vom Großen von der anderen Seite bekuschelt zu werden bleibt für mich aber Kuscheln für Fortgeschrittene und wird mir, die ich wirklich jemand bin, die normalerweise nicht genug vom Kuscheln kriegen kann, manchmal schon zu viel. Gut, wenn der Kleine dann zum Papa wechselt und die Kleine ab und an doch auch gut im Beistellbett schlafen kann.

Anpassungsfähigkeit: Als zweites Kind hat man das Schicksal, sich nach dem Alltag mit dem Großen richten zu müssen. So darf Kleinmäüschen eben manchmal nicht so lange auf dem Gästebett (quasi unser Laufstall) spielen wie sie möchte, sondern wird nach Bedarf einfach mal zum Trinken angelegt, weil es gleich außer Haus gehen muss oder eben gleich in die Babyschale gepackt. Sie protestiert hier natürlich immer wieder, lässt es aber generell gut über sich ergehen, dass es eben einen Terminplan gibt, an den sie sich anpassen muss. Sie fühlt sich zum Glück in der Schale meist sehr wohl, guckt neugierig oder schläft einfach ein. Auch Autofahren ist fast nie ein Problem. So ist ihr Tagschlaf auch nicht ganz regelmäßig, pendelt sich aber bei entweder drei kleineren Schläfchen vormittags, mittags und nachmittags oder einem großen Mittagsschlaf ein. Beim letzten Kinderturnen war ich mit beiden Kindern unterwegs, da der Mann arbeiten musste. Das Mäuschen hatte eigentlich kein akkutes Schlafbedürfnis, pennte aber tatsächlich die ganze Stunde weiter, so dass ich wunderbar mit dem Großen sporteln konnte. Danach war sie einfach etwas länger war, um dann wie gewohnt in den Nachtschlaf zu starten. Überhaupt lässt sie sich einfach kaum aus ihrer Ruhe bringen und macht so viel ruhig und entspannt mit, dass wir wirklich immer noch gut flexibel in der Tagesgestaltung sein können.

Nach dieser Zeit kann ich sagen – die Tochter ist wirklich bei uns angekommen. Sie gehört und vervollständigt unsere Familie. Sie bereichert jeden Tag mit ihrem wunderschönen Lächeln. Sie macht mich glücklich mit ihrem Forscherdrang und ihrem sonnigen Gemüt. Sie ist nicht mehr wegzudenken. Und sie entwickelt sich so schnell. So schnell, dass ich manchmal kurz traurig bin. Die GanzkleinesBaby-Zeit ist längst vorüber, sie ist jetzt ein wunderschönes Baby mit tollem Babylachen, Babygrinsen, Babystolz in den Augen, Babyspeck an den Beinchen, einem runden Babykopf und so viel Babyausstrahlung, dass sie sowieso jeden verzaubern kann, der sie sieht. Ich bin so stolz auf mein Mädchen. Danke, dass ich deine Mama sein darf, mein Schatz.

Jahresende – Zeitenwende?

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Die Welt steht auf dem Kopf – jedenfalls die Welt unseres Sohnes. Alles ändert sich. Mal wieder. Dieses Mal aber mehr als bisher. Zuerst war da auf einmal eine kleine Besucherin, die für immer blieb. Er ist kein Einzelkind mehr, da gibt es jetzt jemanden, der unsere Aufmerksamkeit fordert, jemanden, der auch seine Liebe einfordert und bekommt. Das ist verwirrend, er wird mit ganz neuen Gefühlen konfrontiert. Geschwisterliebe zum Beispiel. Ich bin mir sicher, dass es für ihn ungewohnt, schön, aber auch überfordernd ist, auf einmal ein kleines Wesen lieb zu haben. Und zwar nicht so lieb zu haben, wie man ein Stofftier liebt, sondern zu rennen, wenn sie weint, zu rufen “Großer Bruder kommt!” und sie zu streicheln. Sich an sie zu kuscheln, morgens, abends, nachts.

Diese Liebe ist überwältigend und wunderschön zu beobachten. Sie stand in den ersten drei Monaten des Zusammenlebens mit der kleinen Maus im Vordergrund, aber langsam kommen da auch andere Gefühle und klopfen an. Zunächst verhalten, aber immer deutlicher, zeigt sich auch Eifersucht. War da früher ein leichter Unmut, wenn Mama mal wieder stillen musste, anstatt mit ihm zu spielen, äußert sich dies immer häufiger in Weinen oder darin, dass er der Tochter das Trinken an der Mamabrust verbieten will. Mama soll die Kleine weglegen, soll sich mit ihm beschäftigen. Es war irgendwie klar, dass diese Gefühle ihren Tribut fordern würden, aber bisher waren wir verschont geblieben davon. Nun muss vor allem er sich dem stellen, wie es ist, Aufmerksamkeit teilen zu müssen. Wir versuchen, ihm zu zeigen, dass unsere Liebe für ihn unvermindert weiter da ist, aber ich bin mir nicht sicher, ob es für ihn dadurch leichter wird, die Frustration, der Ärger und die Konfrontation mit der neuen Situation bleiben ja bestehen.

Wechsel in den Kindergarten

Leichter wird die Situation für den großen Kleinling sicher auch nicht dadurch, dass er zur Zeit so unglaublich viel lernt und bald noch viel mehr lernen wird, denn am 12. Januar beginnt für ihn eine ganz neue Epoche – der Kindergarten. Mit 2 3/4 Jahren ist er nun alt genug und es wird höchste Zeit, die Krippengruppe wird ihm zu eng, er entwächst ihr einfach. Nicht mehr lange und er würde sich sicherlich langweilen. Zumal er der Älteste dort ist, kein älteres Vorbild mehr hat. Das ist allgemein wichtig und für ihn ganz besonders, habe ich den Eindruck. Er vermisst die Krippe, das merkt man und das glauben wir auch aus Gesprächen mit ihm herauszuhören. Aber alles muss einmal enden, diese Erfahrung von Ende und Neubeginn muss er machen. Leider haben wir keine Kontakte zu Eltern aus der Kitagruppe knüpfen können, teilweise aus mangelnder Sympathie, teilweise auch aus Unfähigkeit zu sozialem Kontakt unsererseits. Er wird neue Freunde finden, da bin ich mir sicher, aber ein Umbruch ist immer schwer.

Wie erwähnt lernt er zur Zeit so viel neues. Es ist schwer in Worte zu fassen, es ist nicht zu zählen in Buchstaben oder Ziffern oder bestimmten Worten. Sein Horizont wird weiter, seine Innensicht differenzierter. Er drückt mehr Emotionen aus, er wird empathischer. Er trainiert Situationen in Rollenspielen, verarbeitet Gehörtes und Gesehenes, ahmt Situationen nach. Da wird das Schaf ins Krankenhaus gebracht, da sind Playmobilfiguren Jäger, aber vor allem müssen wir alle ständig (und mit ständig meine ich alle fünf Sekunden!) neue Rollen einnehmen. “Mama ein Löwe! Papa auch Löwe! Mama Gespenst! Drache kommen! Ich böser Hund! WAAAAAAAAAAAAAA!” Und so weiter, und so fort. Das ist anstrengend, bisweilen wirklich nervenaufreibend, aber es zeigt eines gut: Dass er von seiner Phantasie förmlich überrollt wird, alle seine Ideen und Spielgedanken scheinen gar nicht in seinen Kopf zu passen, alles gleichzeitig, alles intensiv.

Seine Phantasie ist so lebhaft, dass sie ihm nachts wohl des öfteren böse Streiche spielt. Alpträume sind häufiger, er kommt nicht selten in unser Schlafzimmer gerannt, voller Angst vor dem Tiger, dem Krokodil oder dem bösen Mann. Letzterer verstört uns, aber ist wohl nicht wirklich mit Bedeutung aufgeladen, sondern steht allgemein für eine Bedrohung. Kein ruhiges Ins-Bett-krabbeln mehr, sondern eben oft lautes Hereinpoltern. Auf der anderen Seite hat er mittlerweile auch schon den Wunsch geäußert, früh morgens wieder in sein Bett zu gehen, um dort den restlichen Nachtschlaf zu verbringen. Also auch hier ein leichter Fortschritt, ein Stück Emanzipation.

(H)attiti?

Sprachlich tut sich ebenfalls einiges. Worte werden artikulierter (Vor allem – wie könnte es anders sein – das “Nein!” wird mittlerweile sehr deutlich ausgesprochen), Sätze haben mehr Struktur und es kommen etwa Artikel dazu (“mit der Mama”, “Papa ein Löwe”) oder abstraktere Worte wie “jemand” in Sätzen wie “Kommt da jemand?”. Auch Frageworte kommen langsam dazu. “Wo” funktioniert, “Warum” allerdings weder aktiv noch dann, wenn er gefragt wird.

Verben werden besser konjugiert, Vergangenheit drückt er mit einem Partizip aus (das er natürlich fast immer regelmäßig bildet und nicht unregelmäßig, aber das ist der nächste Schritt). Wenn etwas in der Vergangenheit passiert ist, war es “gestern”. Da mag es Stunden, Tage oder Wochen her sein.

Ein ewiges Rätsel wird uns allerdings der (H)attiti bleiben – so nennt der Kleinling seit jeher das Sandmännchen. Uns fällt keine lautliche Herleitung ein, aus der man vom Sandmännchen zum (H)attiti kommt. Vielleicht gab es eine Situation, die das erklärte, uns aber nicht im Gedächtnis geblieben ist oder der Kleine hat einfach irgendwann ein Wort erfunden, weil Sandmännchen zu schwierig war und ihm (H)attiti einfach besser gefallen hat. Wer weiß. Das ist sein feststehende Begriff und von dem rückt er auch nicht ab. Mal sehen, wie lange er noch bleibt und ob er ihn irgendwann erklären kann.

Kleiner Zwischenbericht zur Tochter

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Seit dem 21.12. dreht sich die Tochter. Natürlich geht so etwas nur vor Publikum. Daher hat sie auch gewartet, bis die Rollenspielgruppe mal wieder zusammentraf. Es hatte sich schon angekündigt, dass sie bald sozusagen die zweite Dimension entdecken würde. Unter Beifall (ihrer Eltern) sowie höflicher Zurkenntnisnahme (Besucher) rollte sich die Maus tapfer, neben dem Weihnachtsbaum liegend, auf den Bauch. Von der Rückenlage in die Bauchlage wechseln geht gut, andersherum wirkt es teilweise eher wie ein Unfall. So dreht sie sich fleißig, verharrt aber dann oft in der Bauchlage, stemmt sich hoch und beschwert sich dann irgendwann, dass es nicht mehr wirklich zurückgeht.

Ein weiterer großer Fortschritt war das erste laute Lachen. Es entfuhr ihr während des Badens. Sie saß mit der Frau Mama sowie mit ihrem Bruder in der Badewanne. Mama goss ihr Wasser über den Kopf, um sie zu waschen. Anstatt sich zu beschweren, keckerte die kleine Wasserratte laut los. Bisher hatte sie schon oft gegrinst, viel stumm gelacht, aber eine derart laute Äußerung des Wohlgefallens und der Erheiterung hatten wir von ihr noch nicht vernommen. Seitdem lacht sie immer wieder einmal auch laut – beim Anlächelspiel, beim Herumtragen, beim Spielen. Nun hört man ihre Fröhlichkeit auch.