Breifrei

Die Perfektionistin ist ein Baby, das sehr viel selbst bestimmen will. Nicht, dass mir nicht bewusst wäre, dass das jedes Kind gerne möchte, aber im Vergleich ist sie eindeutig die Macherin meiner beiden Kinder. Der Große hat es genossen gefüttert zu werden (und gleichzeitig im Essen zu matschen und an Stückchen zu nagen), war aber durchaus bereit, den oft selbstgekochten oder ab und an gekauften Brei zu verköstigen. Und so wurde unser Genießer gefüttert. Seine Schwester dagegen mag nicht.

Die ersten Breiversuche waren sehr wechselhaft. Manchmal ließ sie es gerne zu und aß. Allerdings nur, wenn der Mann sie fütterte. Wenn ich es versuchte, erntete ich meist Protestgeschrei. Eine Zeit lang fütterte ich sie im Tuch. Aber das war ja auch keine sinnvolle Möglichkeit. Also ließ ich es. Der Mann mochte sie füttern, wenn er Lust hatte, aber ich würde mir das erstmal nicht mehr antun. Die ersten Versuche mit Obst- und Gemüsestücken blieben aber natürlich auch bei mir auf dem Alltagsprogrammplan. Und da war sie auch begeistert bei der Sache. Also zuckte ich die Schultern ob der vielen Pläne zur Beikosteinführung, die mir in den Werbebriefsendungen diverser Babynahrungshersteller zugesandt wurden. Ich kümmerte mich nicht um Reihenfolgen. Ich guckte einfach, worauf mein Baby Lust hatte. Wenn ich ihm in so vielen Dingen (richtige Trinkmenge beim Stillen, Schlafzeitpunkte, Ausräumen der Spielkisten des Großen, etc.) vertraute, konnte ich das auch im Bereich Essen.

Ein wenig informiert habe ich mich dann aber doch. Und so traf ich auf das große Thema „Baby led weaning“, das ich beim Genießer noch nur gestreift hatte und das jetzt so perfekt zu meiner Zwergin zu passen schien. Und so leben wir jetzt also mit dieser Art der Beikost: Mädchen bekommt so ziemlich alles, was bei uns auf den Tisch kommt. Bisher bin ich noch etwas zurückhaltend Soßen und andere flüssigere Nahrungsmittel betreffend, aber das wird mit der Zeit sicher immer mehr werden. Die Kleine findet es super. Morgens setze ich mich mit ihr (und je nach Schicht des Mannes und Wochentag auch mit den Jungs) zum Frühstück und sie knabbert Brot, Käse, Apfel, Banane, Gurke, Avocado, Zwieback oder wie heute Pfannkuchen. Mittags (oder abends *g*) koche ich salzfrei und etwas weniger gewürzt ein warmes Essen und sie nuckelt an Paprika, Brokkoli, Zucchini, Blumenkohl, Möhren, Tomaten, Kohlrabi, Hühnchen, Rind, Lachs,  Reis, Nudeln oder Kartoffeln. Dazwischen gibt es Obst (Birne, Mango, Apfel, Banane, Erdbeeren oder als absoluter Favorit Wassermelone) oder nochmal Brot. Auch Joghurt ging gut: Die Kleine nahm kurzerhand die Schüssel mti beiden Händen und versenkte ihr Gesicht darin, um den Joghurt aufzuschlecken. Sie hat jetzt also schon eine ziemliche Bandbreite verschiedener Lebensmittel gekostet und zeigt ziemlich deutlich, wo ihre Favoriten liegen. Dies sind ganz nach BLW-Methode zu verschiedenen Mahlzeiten ganz unterschiedliche Dinge.

An den meisten Tagen isst sie gerne und sitzt dabei auch lächelnd in ihrem Stuhl. An anderen hat sie keine große Lust und will lieber ganz viel stillen. Heute wiederum war ein Tag, an dem sie nur auf mir sitzend essen wollte. Manchmal kaut und lutscht sie nur und lässt alles wieder herausfallen. Aber immer öfter fehlen große Gurken- oder Kartoffelstücke, die definitiv in ihrem Magen gelandet sind. Auch das Bunkern von Essensresten in den Bäckchen wird immer seltener. Sie isst immer mehr wirklich als nur zu erkunden.

Ich bin sehr angetan von dieser Form der Beikost. Eine große Sauerei hat man mit Brei auch. Dafür grinst mein Mädchen beim Essen die meiste Zeit und lernt so viel durch das Berühren der Speisen. Es geht einiges daneben und wir schmeißen auch immer wieder Essen weg, dass eben nur auf dem Boden landete oder nur zermatscht wurde. Aber sehr viel esse ich auch einfach dann selbst, wenn sie die Lust verloren hat. Ich denke nicht, dass hier mehr verlorengeht als beim normalen Breifüttern. Zumal ich viele der (gekauften) Breie auch einfach selbst nicht essen mochte und die Reste dann eben auch einfach wegkamen.

Der große Kritikpunkt des Mannes am Essprogramm der Tochter ist, dass wir bisher noch keine Mahlzeit ganz ersetzt haben. Manchmal trinkt Mäuschen vor dem gemeinsamen Essen, oft danach, immer wieder ist die Pause aber auch mal länger. Richtig ersetzt ist nichts. Und eine echte Regelmäßigkeit im Stillen passt scheinbar auch einfach nicht zu meiner Tochter. Wenn sie nicht will, will sie nicht. Wenn sie will, lässt sie sich mit nichts anderem ablenken. Fläschchen geben geht nur im Notfall für wenige Schlückchen. Lieber hält mein Töchterchen so lange aus bis Mama wieder daheim ist und stillen kann. Ja, das ist schwierig. Ich fände es schön, wenn der Mann sie ebenfalls ernähren könnte und wir auch hier schon wieder gleichberechtigter wären. Aber gleichzeitig genieße ich das Stillen ebenso wie das Baby und will noch längst nicht, dass diese Zeit vorbeigeht. Wenn ich im September wieder arbeite, wird sich hier eine Lösung finden müssen. Aber September – das ist noch lang und bis dahin wird sich ihr Essverhalten sicher noch mehrmals verändern.

Wenn sie im September in die Kita kommt (*seufz*), wird sie sicher auch dort selbstbestimmt essen. Das wird klappen, denke ich. Trinken ist hier noch das größere Fragezeichen. Ich stelle ihr immer wieder mal Becher oder Trinklernflasche hin, aber sie interessiert sich noch nicht besonders dafür. Wie alles werden die Trinkgefäße mit Händen und Mund erkundet und werden herumgeschmissen. Das Konzept des Trinkens hat die Kleine noch nicht begriffen. Hat ja auch noch Zeit und beim Stillen bekommt sie genug Flüssigkeit.

Seit die Kleine sich für BLW entschieden hat, sehe ich das Füttern anderer Babys mit anderen Augen. Wenn in den Krabbelgruppen die Gläschen herausgekramt werden, wenn ich immer wieder die Einzige bin, die noch stillt und die Erfahrung von gleichaltrigen Kindern mit Fingerfood sich auf Babykekse beschränkt, gruselt es mich mittlerweile leicht. Es scheint mir so viel natürlicher, die Maus mit den gleichen Nahrungsmitteln zu versorgen, die ich auch zu mir nehme. Es scheint mir so normal im Umgang mit ihr, sie nach Bedarf zu stillen. Und es ist so wunderschön ihr zuzusehen, wie sie alle möglichen, teils schwierig zu essenden Dinge erkundet. Es ist so viel eigene Entscheidungsfreiheit darin. Ich würde nicht sagen, dass ich Brei jetzt ganz ablehne, das wäre mir auch viel zu radikal. Mein Sohn wollte ihn ja auch und ich glaube nicht, dass es bei ihm der falsche Weg war. Im Nachheinein würde ich das Verhältnis von Brei und Fingerfood vielleicht ändern, aber die Tatsache des Breifütterns hat zu ihm einfach besser gepasst als zur Kleinen.

Als Fazit sehe ich für mich und mein Baby nur, wie viel Eigenständigkeit ein Baby gewinnen kann, wenn es über Menge, Art und Schnelligkeit der Nahrungsaufnahme selbst bestimmen kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s