Geburtsbericht – aus Papasicht

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Ein Stoß in die Seite mitten in der Nacht, ein paar Augenblicke der Verwirrung und dann ist klar: Es geht los. Man hat sich vorbereitet auf diesen Moment, man weiß, dass es Fehlalarm sein könnte, aber irgendwie ist alles völlig klar, wenn es wirklich losgeht. So war es auch schon beim Großen, auch wenn wir uns damals noch etwas vorgemacht haben, um nicht einzugestehen, dass er schon auf die Welt kommt. Das Gefühl, dass es jetzt losgeht, war dennoch da.

So auch jetzt.

Es ist wie am Morgen einer langen Reise, während man schlaftrunken das Auto packt und sich endlich aufmacht zu dem Ziel, das man sich schon lange Zeit ausgesucht hatte. Diese Mischung aus unmöglicher Uhrzeit und wartendem Abenteuer ist eine ganz eigene Kategorie von Vorfreude. Es geht alles überraschend ruhig vor sich. Der Kleine liegt bei uns im Bett, die Liebste zieht zunächst aus, um Wehen zu veratmen und zu überlegen, ob es denn nun auch wirklich losgeht. Ich denke, es ist uns beiden klar, dass es so weit ist, aber man scheut eben doch davor zurück, die Maschinerie in Gang zu setzen, Großeltern und Hebamme aufzuscheuchen, nur um am Ende doch wieder zu Hause zu landen und wieder zu warten.

Auch wenn alle versichern, dass das völlig in Ordnung ist und man auch weiß, dass es völlig in Ordnung ist, irgendwie will man das eben nicht. Also Frau ab aufs Gästebett, ich bin nicht erschlagen, aber dennoch froh, noch ein wenig schlummern zu dürfen, ein paar Minuten noch zu ruhen, mit dem Sohn zu kuscheln. So bin ich dann auch einigermaßen frisch – so frisch und ausgeruht man eben sein kann um 2.30 Uhr – als mich die Liebste weckt und sich immer sicherer wird, dass nun Tag, bzw. Nacht X ist. Wir beschließen, dass sie in die Badewanne geht. Der Sohn schläft inzwischen selig weiter, an dieser Front ist alles ruhig. Der Alarm an die Schwiegereltern ist inzwischen raus, sie sind auf dem Weg.

Die Liebste badet noch ein wenig, es tut ihr gut und aus Erfahrung wissen wir ja, dass es auch förderlich sein kann für eine Geburt. Bis die Schwiegereltern eintreffen, beschäftige ich mich mit Packen, Überlegen, ob noch etwas fehlt und mit Gesprächen mit der Liebsten. Immer noch alles ruhig, die Wehen kommen unregelmäßig, sind aber gut zu veratmen. Als Oma und Opa eintreffen, wird erst mal Tee gekocht. Die Szenerie ist etwas skurril – Wir trinken Tee und plaudern, während Mama in spe auf einem Gymnastikball ihre Wehen veratmet. Sie ermahnt uns, das Gespräch doch bitte nicht verstummen zu lassen, während sie Wehen veratmet. Es ist aber wirklich ziemlich schwer, eine heitere Plauderei zu führen währenddessen. Nicht etwa, weil es stören würde oder sie sich in Schmerzen windet, aber man will eben doch Anteil nehmen, bei ihr sein. Dass es nicht hilft, von drei Menschen fragend angestarrt zu werden, während man Wehen veratmet, ist uns rational irgendwie klar, es ist einfach eine Zwickmühle.

Der Alarm an die Hebamme wird bis halb fünf hinausgezögert, dann geht alles recht schnell. Wir fahren um 4.51 los, ich blicke auf die Uhrzeit, eine ständige Übung in solch einer Nacht, um die Wehenabstände zu verfolgen. Immer noch regelmäßig, die letzte wird an der Motorhaube veratmet, dann geht es los. Der Schwiegerpapa steht an der Tür und winkt lange. Wir überlassen den Schwiegereltern das Haus und ein schlafendes Kind. Bis hierher lief alles nach Plan, wie eine geölte Maschine. Der Plan, keine Wehen im Auto zu erleben, klappt nicht so ganz. Gerade, als wir auf den Parkplatz des Geburtshauses fahren, ist die nächste Wehe da. Im Auto ist das kein Spaß. Aber dank kurzer Fahrt (ohne Rasen keine 10 Minuten) bleibt es bei einer. Die Hebamme erwartet uns schon und wir machen es uns gemütlich. Endlich dürfen wir das Geburtshaus auch seinem Namen nach Nutzen. Die Hebammenschülerin kommt auch bald dazu, sie bleibt eine liebe und bemühte Hilfe. Manchmal etwas sehr eifrig, aber ich bin froh, dass sie auch da ist. Zwei Hebammen haben ist gut. Ein Teil des Gepäcks, das auch für einen Zweiwochen-Urlaub durchgehen könnte, bleibt im Auto. Mit dem Rest checken wir ein und erwarten das Unerwartbare.

Und nun gemütlich machen im Geburtshaus. #Geburt #heyholetsgo #hallotochter

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Aber zunächst passiert nicht viel. Die Wehen kommen unregelmäßig, wir haben die Befürchtung, dass wir am Ende wieder nach Hause geschickt werden. Ich denke, dass die Hebamme das spürt. Sie schlägt uns einen Spaziergang vor. Das Thema des frühmorgendlichen Aufbruchs können wir so quasi wieder aufnehmen. Am frühen Morgen durch eine teilweise noch schlafende Stadt zu wandern, ist etwas Besonderes. Noch etwas besonderer wird es natürlich, wenn man das mit einer Gebärenden tut. Immer wieder wird die morgendliche Stille vom Wehenveratmen, vom klassischen „Ohhhhhhhh“ und „Ahhhhhhh“, unterbrochen.

Wir machen Witze, ob die Leute es wohl schon gewohnt sind, in der Wohngegend rund ums Geburtshaus morgens gebärende Frauen zu hören, die Gespenstern gleich um die Häuser ziehen und Wehen veratmen. Die Liebste muss lachen. Lachen ist gut, aber auch anstrengend. Unser Ziel ist eine Bäckerei, in der wir erst einmal ein Frühstück einnehmen. Ein bisschen Ruhe und Entspannung, inmitten der Geburt – das tut gut. Paarzeit direkt vor einem weiteren Umbruch, kurz bevor wir zu viert sein werden. Dieses Frühstück ist in so vielerlei Hinsicht etwas besonderes.

So dürfen pausen unter der #Geburt aussehen. #pause #Frühstück

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Nach ein paar Wehen, bei denen ich die Liebste etwas abschirmen musste, machen wir uns auf den Weg zurück ins Geburtshaus. Dort angekommen geht es weiter mit unregelmäßigen Wehen. Die Hebamme sticht erste Akkupunktur-Nadeln. Das hilft. Die Wehen kommen häufiger und es wird regelmäßiger. Akkupunktur scheint – mal wieder – zu helfen. Die Nadeln schmerzen ziemlich, aber das ist wohl ein Zeichen dafür, dass es wirkt. Die Liebste möchte in die Wanne steigen, vor allem, nachdem sie gehört hat, dass das Wasser gar nicht so kalt sein muss. Also ab ins Bad, neben der Wanne platzieren und hier Händchen halten. Ich steige nicht mit rein, auch das hat es ja schon gegeben, wie uns erzählt worden war. Nein, ich behalte meine Hose an und unterstütze von außerhalb der Wanne.

Irgendwie gewinnt die Sache sehr an Fahrt, die Wehen werden häufiger und heftiger. Warmes Wasser schiebt ordentlich an. Das überfährt uns ein wenig. Die Liebste kommt kaum mehr aus dem Veratmen heraus, ich bin gefordert beim Beruhigen und vor allem Ablenken. Das ist gar nicht so einfach, wenn die Frau schmerzerfüllt zwischen den Zähnen hervorpresst „Erzähl mir was Schönes!“ und dabei unmissverständlich klar macht, dass sie nicht irgendwann demnächst gerne etwas hören möchten, sondern jetzt. Aber unter Druck entstehen ja Diamanten und so schlage ich mich – denke ich – gar nicht so schlecht und fabuliere vor mich hin, während sie tapfer versucht, nicht von den Wehen überrollt zu werden.

Irgendwann muss sie dann raus aus der Wanne, der Kreislauf könnte irgendwann nicht mehr mitmachen. Es ist nun nur noch eine Stunde bis zum ersten Blickkontakt mit unserer Tochter, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Vielmehr erscheint es noch ewig, der Muttermund hat sich noch nicht sehr weit geöffnet. Wir stellen uns auf einen langen Tag ein. Ich mache mir etwas Sorgen um meine Liebste, da sie immer kürzere Pausen zwischen den Wehen hat und das sehr an ihrer Kraft zehrt. Aber sie bleibt tapfer, veratmet weiter vorbildlich die Wehen und reagiert nicht genervt darauf, wenn man sie dann doch mal erinnern muss, schöne Oooooohs und Aaaaaaahs zu atmen. Töne, Töne, Töne. Zwischen den Erzählungen, die weiter gefordert werden, bietet mir das Unterstützen beim Atmen eine willkommene Gelegenheit, etwas zu tun, aktiv zu sein. Denn die Arbeit leistet ja die Frau, sie hat die Schmerzen, die Mühen und man(n) bekommt leicht ein Gefühl der Machtlosigkeit. So kann ich mich einbringen, ihr direkt helfen. Die fast pausenlosen Wehen gehen eine ganze Weile so weiter.

Etwa eine Stunde später will meine Liebste auf die Toilette – sie hat das Gefühl, aufs Klo zu müssen, hat dann aber Angst zu pressen. Schließlich denken wir alle, sie befindet sich noch gar nicht in der Austreibungsphase.Dann plötzlich geht es schnell: Sie brüllt mich an, ich solle etwas tun, sie wolle nicht pressen, könne aber nicht mehr anders. Die Hebamme ist nicht im Raum, die Schülerin rennt sie holen. Ich bin überfordert und froh, als die Hebamme mit dem Arzt im Schlepptau auftaucht. Ich hole den Geburtshocker – unsere Tochter soll nicht auf dem Klo geboren werden. Dann bin ich einen kurzen Moment lang verwirrt. Der Arzt will irgendwas von mir, ich verstehe nur Bahnhof. Dabei soll ich mich doch einfach nur hinter meine Frau stellen. Dann schreit die Liebste so, wie ich sie noch nie gehört habe – oder seit dem Großen nicht mehr gehört habe, so sicher bin ich mir da nicht. Ich halte sie fest, so gut ich kann, ermutige sie, auch wenn ich nicht weiß, wie viel sie davon hört oder hören will.

Und dann ist sie da: Unsere Tochter liegt in den Händen der Hebamme und alle Anspannung löst sich in mir. Ich weine und sage der Liebsten, wie stolz ich auf sie bin. Ich wiederhole mich wahrscheinlich unerträglich oft, wie es so meine Art ist, aber das ist uns beiden egal in diesem Moment. Ich freue mich so sehr, dass die Kleine da ist, dass wir es geschafft haben, dass es doch nicht so lange dauern wird. Der Arzt verschwindet schnell wieder, nachdem er gesehen hat, dass alles gut ist. Die Hebamme bereitet alles vor und ich darf auch bei unserer Tochter die Nabelschnur durchschneiden. Das ist mir wichtig, ich hole sie damit ein Stück mehr auf die Welt, wenn ich sie schon nicht wirklich empfangen konnte, weil alles so schnell ging. Ich habe mir manchmal vorgestellt, sie wirklich als allererster Mensch in Händen zu halten, wenn sie auf die Welt kommt. Aber es ist ok so. Ich weiß gar nicht, ob ich die ganze Zeit dabei geweint habe, in der Erinnerung ist alles etwas verschwommen, alles schwimmt etwas in einer Hormonsuppe, wenn ich zurückdenke. Am Anfang ist es wohl immer wie ein Traum, aus dem man ganz langsam aufwacht.

Auch die folgenden Stunden sind in der Erinnerung etwas rosa umwölkt. Wir lagen ganz lange auf dem Bett, die Kleine hing hingebungsvoll an Mamas Brust und trank zum ersten Mal in ihrem Leben. Das klappte wunderbar, die kleine Perfektionistin kündigte ihren Anspruch an. Den bestätigte sie bei der Untersuchung, die der Arzt dankenswerterweise erst zwei Stunden später vornahm. 10 von 10 Punkten. Perfekt. Dabei blieb sie ruhig und völlig entspannt. Sie war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Wie auch, wenn die Geburt so wunderbar klappt und alle in sich ruhen.

Als alles erledigt ist, werden wir dann auch ermutigt, nach Hause zu fahren. Dort kommen wir um halb zwei an und verfrachten Mama und Kind auch erst einmal ins Bett. Die Großmama kocht Gulasch, Opa ist noch mit dem großen Bruder unterwegs, um diesen auf das neue Familienmitglied vorzubereiten. Gegen halb vier kommen sie zurück und man hört die Stimme des großen Kleinen die Treppe hinaufschallen. Schließlich, nachdem er die Treppe im Krebsgang mit dem Opa erklommen hat, stürmt er ins Zimmer. Bleibt einen Moment stehen und staunt, um dann ins Bett gekrabbelt zu kommen und die ersten Worte zu seiner Schwester zu sprechen: „Hallo, Baby!“

Wir sind komplett.

 

J.

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